Hörspuren: Nordan
„Nordan“ (1994) von Lena Willemark und Ale Möller ist eine Platte, die man nicht „nebenbei“ hört. Sie verlangt Aufmerksamkeit – und schenkt dafür etwas Seltenes: das Gefühl, einer Frau zuzuhören, die nicht gefallen will, sondern etwas weitergibt. Für womanonthescooter ist das ein entscheidender Punkt. Denn hier hört eine Frau einer Frau zu. Nicht durch das Prisma von Markt, Szene oder Virtuosität, sondern mit einem Ohr für Herkunft, Körper, Atem und Wahrheit.
Lena Willemarks Stimme steht im Zentrum dieser Aufnahme – und sie steht dort ohne Schutzschicht. Kein Popfilter, kein folkloristisches Kostüm, keine ironische Distanz. Diese Stimme kommt aus einer Landschaft, aus einem Leben, aus einer langen Kette weiblicher Überlieferung. Willemark, aufgewachsen im ländlichen Mittelschweden, singt mittelalterliche Balladen nicht über Frauen – sie singt als Frau, die weiß, dass diese Lieder nie harmlos waren. Sie handeln von Begehren, Gewalt, Verlust, Macht, Schuld. Und von einer erstaunlichen Eigenständigkeit weiblicher Figuren, die sich nicht auf Opferrollen reduzieren lassen.
Was dabei berührt: Willemark dramatisiert nichts. Ihre Stimme bleibt klar, oft fast nüchtern, und gerade darin liegt ihre Kraft. Sie trägt Geschichten, die Jahrhunderte alt sind, mit einer Selbstverständlichkeit, die sie unmittelbar ins Jetzt holt. Als Hörerin entsteht kein Gefühl von Historie, sondern von Nähe – als säße man in einem Raum, vielleicht in einer Holzhütte irgendwo im Norden, und jemand beginnt zu singen, weil es genau jetzt gesagt werden muss.
Ale Möller ist dabei kein Begleiter im klassischen Sinn, sondern ein Resonanzraum. Seine Instrumente – Mandola, Hackbrett, Akkordeon, Flöten, Harfe, Dulcimer – umkreisen die Stimme, stützen sie, widersprechen ihr manchmal auch. Möller, mit norwegisch-dänischen Wurzeln in Malmö geboren, versteht Tradition nicht als Regelwerk, sondern als Material. Seine Arrangements lassen Raum, sie drücken nichts fest. Sie erlauben Willemarks Stimme, sich zu bewegen, zu atmen, zu zögern. Als Hörerin spürt man: Hier wird nicht arrangiert, um zu glänzen, sondern um etwas offenzulegen.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Nordan gängigen Rollenbildern entgeht. Es gibt keinen männlichen musikalischen Gestus, der erklärt oder kommentiert. Selbst die Jazz-Elemente – etwa durch den warmen, erdenden Bass von Palle Danielsson – wirken nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie eine leise Zustimmung. Danielsson spielt nicht dominant, sondern zuhörend. Er schafft Boden unter den Füßen, ohne die Richtung vorzugeben. Diese Qualität des Zuhörens zieht sich durch das gesamte Album.
Hinzu kommen Musiker wie Mats Edén (Kantele), Per Gudmundson (Fiedel, Dudelsack) und mehrere Perkussionisten, deren Beiträge das Klangbild erweitern, ohne es zu beschweren. Alles bleibt transparent, offen, beinahe körperlich spürbar. Dass diese Aufnahme im Osloer Rainbow Studio entstand, hört man: Der Klang ist klar, trocken, unaufgeregt – typisch für ECM Records, und doch hier besonders passend. Nichts wird weichgezeichnet, nichts versteckt.
Thematisch führt Nordan durch eine Welt voller Gegensätze: verführerische Meerjungfrauen und unschuldige weiße Schwäne, Drachenmythen und Familienkonflikte, fahrende Ritter und weibliche Figuren, die sich dem Zugriff entziehen. Für eine Hörerin entsteht dabei etwas sehr Gegenwärtiges: Diese Geschichten erzählen von Strukturen, die wir auch heute kennen. Machtverhältnisse, Begehren, Grenzüberschreitungen – und immer wieder der Versuch von Frauen, darin eine eigene Stimme zu behaupten.
Dass Manfred Eicher dieses Projekt nach einem Konzert am Siljan-See sofort produzieren wollte, wirkt rückblickend folgerichtig. Nordan fügt sich in die nordische Linie von ECM ein, ohne sich darin aufzulösen. Wer an Jan Garbarek denkt, liegt nicht falsch – doch Willemark und Möller erzählen eine andere Geschichte: weniger ekstatisch, weniger heroisch, dafür leiser, dichter, weiblicher im besten Sinn.
Für womanonthescooter ist Nordan deshalb mehr als ein Album. Es ist ein Hörraum. Einer, in dem Frauenstimmen nicht erklärt werden müssen. Einer, in dem Tradition kein Korsett ist, sondern ein Werkzeug. Und einer, der zeigt, wie kraftvoll Musik sein kann, wenn sie aus dem Zuhören entsteht – nicht aus dem Bedürfnis, gehört zu werden.
Nordan ist eine Platte für lange Abende, für Alleinsein mit Gedanken, für Bewegung im Kopf. Sie ist alt und neu zugleich. Und sie erinnert daran, dass das Rad der Geschichte nicht immer laut knirschen muss – manchmal genügt ein klarer Wind aus dem Norden.