Lesespuren: Wer wir waren von Guido Barbujani

Man kennt seine Großeltern, manchmal noch die Urgroßeltern. Danach wird Herkunft schnell abstrakt. Namen verschwinden, Geschichten verstummen. Wer wir waren beginnt genau dort, wo persönliche Erinnerung endet – und führt sie nicht sentimental, sondern wissenschaftlich fundiert über Hunderttausende, ja Millionen Jahre weiter.

Guido Barbujani nähert sich dieser langen Geschichte nicht mit Pathos, sondern mit Präzision und Respekt. Als Populationsgenetiker und Evolutionsbiologe interessiert ihn nicht der große Mythos, sondern der konkrete Mensch: Körper, Bewegungen, Lebensräume, Verletzlichkeit. Und genau darin liegt die besondere Kraft dieses Buches.

Nähe statt Distanz

Was sofort berührt, sind die Porträts. Fünfzehn an der Zahl. Jedes Kapitel beginnt mit einer Rekonstruktion eines frühen Menschen – und diese Gesichter wirken nicht fremd oder roh, sondern ruhig, konzentriert, oft erstaunlich vertraut. Sie haben Ausdruck. Haltung. Präsenz.

Gerade aus weiblicher Perspektive ist das bemerkenswert. Diese frühen Menschen werden nicht als „Vormenschen“ gezeigt, sondern als Individuen mit Alltag, Routinen, Entscheidungen. Das Buch schafft Nähe, ohne zu romantisieren. Es lädt ein, hinzusehen – nicht herab.

Leben in Bewegung

Barbujani erzählt von Homo erectus, von den kleinwüchsigen Hominiden der Insel Flores, von Neandertalern und frühen Homo-sapiens-Gruppen. Doch nie geht es um Heldengeschichten. Es geht um Anpassung. Um Wege durch Landschaften, um Wasser, Schutz, Nahrung, Temperatur.

Migration erscheint hier nicht als Eroberung, sondern als Reaktion: auf Eiszeiten, auf Trockenphasen, auf das Vorrücken oder Zurückweichen von Vegetation. Menschen folgen Tälern, Küsten, Übergängen. Wer sich für Natur, Landschaft und Bewegung interessiert, erkennt schnell: Der Mensch ist Teil dieser Räume, nicht ihr Gegenüber.

Körper, Spuren, Gene

Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen Barbujani aus scheinbar kleinen Details ganze Lebenszusammenhänge erschließt. Die berühmte Australopithecus-Frau Lucy etwa wird nicht als Ikone behandelt, sondern als Wesen mit einem Körper, der Spuren trug: Brüche, Belastungen, Risiken. Daraus ergibt sich ein Leben zwischen Steppe und Bäumen, zwischen Offenheit und Schutz.

Auch die genetische Dimension bleibt stets konkret. Guido Barbujani zeigt, dass unsere DNA Spuren vieler früher Populationen trägt. Keine klare Trennung, keine „reine Linie“. Sondern ein Geflecht aus Begegnungen über Zeiträume hinweg, die unser Vorstellungsvermögen sprengen. Diese Erkenntnis wird nicht dramatisiert, sondern ruhig erklärt – und wirkt gerade deshalb nachhaltig.

Ein still starkes Buch

Was dieses Buch besonders macht, ist sein Ton. Barbujani erklärt, ohne zu belehren. Er ordnet ein, ohne zu vereinfachen. Es gibt keine ideologischen Botschaften, keine plakativen Thesen. Stattdessen entsteht ein tiefes Verständnis dafür, dass wir Teil eines langen, materiellen Zusammenhangs sind – eingebettet in Klima, Landschaft und Zeit.

Für Leserinnen, die sich gern draußen bewegen, die Natur nicht als Kulisse, sondern als Mitspielerin begreifen, ist Wer wir waren eine überraschend persönliche Lektüre. Es verbindet Wissenschaft mit Empathie, Präzision mit Menschlichkeit.

Dieses Buch erzählt keine Evolutionsgeschichte im klassischen Sinn. Es erzählt eine Geschichte des Daseins – körperlich, räumlich, verletzlich. Es zeigt, dass wir nicht plötzlich „da“ waren, sondern aus Wegen, Böden, Temperaturen und Begegnungen entstanden sind.

Ein kluges, ruhiges, tief menschliches Buch.
Und eine Lektüre, die lange nachwirkt.

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