Zwischen Winterhallen und offenen Horizonten
Ich betrete die Hallen der boot Düsseldorf mit diesem leisen Kribbeln, das ich sonst nur kenne, wenn der Wind morgens noch unschlüssig ist und das Wasser wie Glas daliegt. Es ist kein lauter Moment. Eher ein inneres Umschalten. Raus aus dem Winter, rein in eine Saison, die noch ganz offen vor mir liegt. Hier geht es nicht um Rekorde oder darum, wer lauter glänzt. Es geht um Möglichkeiten. Um dieses alte, nie ganz erklärbare Gefühl, dass Wasser und Wind einen klarer denken lassen.
Zwischen den Booten bleibe ich stehen, lasse mir Zeit. Ich beobachte Hände, die über Decks gleiten, Blicke, die sich verlieren. Viele hier wissen sehr genau, wovon sie sprechen. Und viele – das fällt mir sofort auf – hören auch zu. Segeln ist kein Wettkampf gegen andere. Es ist ein Dialog mit etwas Größerem. Genau das spiegelt sich dieses Jahr wider. Weniger Aufgeregtheit, mehr Gelassenheit. Weniger „Schau her“, mehr „Stell dir vor“.
Ich merke, wie sich mein Blick immer wieder zu den Segelyachten zieht. Vielleicht, weil Segeln für mich nichts mit Flucht zu tun hat, sondern mit Ankommen. An mir selbst. An einem Rhythmus, der nicht verhandelbar ist. Wind fragt nicht nach Terminen, Wellen nicht nach Erwartungen. Man muss sich einlassen. Und genau das scheint hier viele zu verbinden – Frauen wie Männer, Anfängerinnen wie erfahrene Skipperinnen.
Vor einem Daysailer bleibe ich länger stehen. Nicht, weil er laut ruft, sondern weil er still überzeugt. Die Linien sind klar, fast zurückhaltend. Helles Holz, viel Licht, nichts Überflüssiges. Ich stelle mir vor, wie es wäre, an einem Frühsommertag abzulegen, allein oder mit einer Freundin, ohne großen Plan. Einfach raus, ein paar Stunden segeln, zurückkommen, wenn die Sonne tiefer steht. Der Gedanke fühlt sich erstaunlich greifbar an.
Eagle 38 von Leonardo Yachts BV - zeitlos!
Später erfahre ich mehr über die Eagle 38 von Leonardo Yachts BV. Ein Boot, das nicht beeindrucken will, sondern begleitet. Gebaut für Menschen, die das Segeln lieben, nicht das Drumherum. Daysailing – das Wort klingt fast spielerisch, aber genau darin liegt seine Stärke. Es ist Segeln ohne Pathos. Kein Verzicht, sondern eine bewusste Entscheidung für Qualität, Übersicht, Ruhe. Für mich ist das keine „kleine“ Form des Segelns, sondern vielleicht die ehrlichste.
Ich setze mich auf die Kante, schließe für einen Moment die Augen. In meinem Kopf höre ich kein Messegewirr mehr, sondern Wasser am Bug, das gleichmäßige Ziehen des Windes im Segel. Ich sehe eine Küste, irgendwo im Mittelmeer oder an der Nordsee, völlig egal. Wichtig ist nur dieses Gefühl von Kontrolle ohne Zwang. Von Bewegung ohne Eile.
Auch abseits der Segelyachten verändert sich der Ton. Die schnellen Boote wirken präzise, fast diszipliniert. Ihre Kraft ist sichtbar, aber nicht aggressiv. Es geht um Können, nicht um Show. Ich sehe Taucherinnen, die sich austauschen, ruhig, konzentriert. Technik wird hier nicht ausgestellt, sondern erklärt. Verantwortung schwingt mit. Respekt vor dem Element Wasser, das nie vollständig berechenbar ist.
THW-Bergungstaucher-Team - Profis at work!
Zwischen all den leisen Träumen vom Segeln gibt es auf der boot auch diese andere, sehr konzentrierte Welt: Bergungstaucher und Kampfschwimmer. Keine Show, kein Muskelgehabe – eher eine stille Ernsthaftigkeit, die sofort Respekt erzeugt. Gespräche drehen sich um Strömungen, Sichtweiten, um Entscheidungen, die unter Wasser getroffen werden müssen, wenn Denken und Atmen plötzlich eins werden. Ich ertappe mich dabei, wie ich innerlich nicke. Auf meinem Scooter bei den Kampfschwimmern in Eckernförde – das habe ich selbst schon absolviert. Dieses Gefühl, wenn der Körper ruhig bleibt, während alles andere anspruchsvoll wird, kenne ich gut. Vielleicht berührt mich genau deshalb dieser Teil der Messe so sehr: Weil er zeigt, dass Nähe zum Wasser nicht romantisch sein muss, um tief zu gehen. Manchmal reicht absolute Klarheit. Und Vertrauen in sich selbst.
Minentaucher-Ausrüstung; diese Jungs sind Profis für maritime Waffenhandhabung und Kampfmittelbeseitigung
Was mich besonders berührt, ist diese Mischung aus Professionalität und Träumerei, die sich hier ganz selbstverständlich entfaltet. Niemand lächelt darüber, wenn eine Frau sagt, sie wolle irgendwann segeln. Im Gegenteil: Fragen werden ernst genommen, präzise beantwortet, ohne Tonfall von oben herab. Genau darin liegt für mich der rote Faden dieser Messe – sichtbar Jahr für Jahr. Wer sie lange kennt, spürt, wie sehr sich etwas verschoben hat. Seit den 1990er-Jahren ist aus vorsichtiger Neugier eine selbstverständliche Präsenz geworden. Die boot lädt heute ein, ohne zu überfordern. Sie erklärt, ohne zu belehren. Und sie lässt Raum für Träume, die längst nicht mehr exotisch wirken, sondern einfach dazugehören.
Als ich später wieder hinausgehe, ist es draußen kalt. Aber innerlich bin ich schon unterwegs. Ich denke an Karten auf dem Küchentisch, an erste Wochenenden im Frühling, an Segel, die nach Monaten wieder gesetzt werden. Die boot Düsseldorf hat mir nichts versprochen. Sie hat mir etwas viel Besseres gegeben: Bilder im Kopf. Und dieses leise, hartnäckige Gefühl, dass die kommende Segelsaison nicht nur näher rückt – sondern persönlicher wird… und genau deshalb funktioniert dieser Ort heute gleichermaßen für Anfängerinnen wie für erfahrene Seglerinnen – für jene, die noch vorsichtig vom ersten Törn träumen, ebenso wie für die, die längst wissen, wie sich Wind im Segel wirklich anfühlt.