Tutanchamun in Köln – Nähe statt Kulisse
Wer sich vor dem Besuch durch einschlägige Bewertungsportale klickt, sollte eines bedenken: Nicht jede Online-Rezension misst eine Ausstellung an ihrem Bildungswert. Manche Kommentare lesen sich, als erwarte man zwischen goldenen Schreinen Popcornstände, Selfie-Stationen mit Mumien-Darstellern oder eine Dramaturgie, die eher aus dem Blockbuster-Kino stammt. Wer Kultur jedoch nur dann spannend findet, wenn sie laut, snacktauglich und sofort konsumierbar ist, wird hier womöglich nicht auf seine Kosten kommen.
Diese Ausstellung verlangt Aufmerksamkeit – und belohnt sie. Sie setzt nicht auf billige Effekte, sondern auf Substanz. Genau darin liegt ihre Qualität.
“Ich sehe wunderbare Dinge…” - Howard Carter im Jahr 1922
Wer die immersive Ausstellung „TUTANCHAMUN: Ein Immersives Abenteuer“ in Köln betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht um schnelle Effekte oder oberflächliche Projektionen. Es ist ein sorgfältig komponiertes Zusammenspiel aus Wissenschaft, Handwerk, Ästhetik und moderner Inszenierung. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Die Ausstellung, kuratiert von Dr. Wolfgang Wettengel, verlässt bewusst den engen Rahmen klassischer Museumskonzepte. Statt Artefakte hinter Distanz schaffendem Panzerglas zu präsentieren, wird Nähe zugelassen. Nähe im räumlichen, visuellen und emotionalen Sinn. Die Besucherinnen bewegen sich durch Räume, die nicht nur informieren, sondern atmosphärisch tragen. Licht, Soundlandschaften und Projektionen schaffen einen Kontext, der das Alte Ägypten nicht dekorativ nachstellt, sondern erlebbar macht.
Zugleich bleibt der wissenschaftliche Anspruch deutlich spürbar. Die Lebensgeschichte des jungen Pharaos Tutanchamun, seine kurze Regentschaft im Spannungsfeld der religiösen Reformen Echnatons, sein früher Tod und die bis heute offenen Fragen zur Ursache – all das wird differenziert und ohne Sensationslust vermittelt. Die Ausstellung verweilt nicht bei Mythen, sondern ordnet sie ein. Auch die historische Dimension der Entdeckung durch Howard Carter im Jahr 1922 erhält Raum: Die Graböffnung, die legendären Worte „I see wonderful things“, die bis heute nachwirkende Faszination.
Der vielleicht überzeugendste Pfeiler der Ausstellung ist jedoch weniger spektakulär im Ton, dafür umso beeindruckender in der Substanz: die handwerkliche Qualität der Repliken. Sämtliche Artefakte wurden vom Team des Kairoer Professors Mostafa El-Ezaby gefertigt. Seine Auseinandersetzung mit pharaonischer Bildhauerei begann bereits in den 1990er-Jahren; seine Dissertation wie auch seine Promotion widmeten sich den geometrischen und ästhetischen Prinzipien altägyptischer Skulptur. Seit Jahrzehnten erforscht er Techniken, Proportionen und Oberflächenbehandlungen – nicht theoretisch, sondern praktisch.
Was hier glänzt, ist tatsächlich 24-karätiges Gold – zumindest an der Oberfläche. Die berühmte Totenmaske, die Schreine, die filigranen Schmuckstücke: Für Laien sind diese Repliken von den Originalen kaum zu unterscheiden. Gerade weil Professor El-Ezaby und sein Team sich nicht mit bloßer Annäherung begnügen, sondern Materialität, Struktur und handwerkliche Logik rekonstruieren, entsteht eine Glaubwürdigkeit, die man sofort spürt. Es ist kein dekorativer Nachbau, sondern eine kunsthistorisch fundierte Rekreation.
Diese Authentizität macht auch das Fotografieren zu einem besonderen Erlebnis. Ohne störende Glasscheiben, ohne Spiegelungen, ohne Distanzbarrieren lassen sich Details studieren: Gravuren, Linienführungen, Farbverläufe. Das Auge kann verweilen. Die Kamera darf beobachten, nicht kämpfen. Für viele Besucherinnen wird gerade diese Unmittelbarkeit zu einem unerwarteten Mehrwert.
Gleichzeitig entfaltet die immersive Komponente ihre eigene Wirkung. Die Reise beginnt symbolisch im historischen Old Cataract Hotel in Assuan, führt entlang des Nils ins Tal der Könige, hinein in die Grabkammer und weiter in das geschäftige Kairo. 360°-Projektionen, Sounddesign – unter anderem mit Beteiligung des Emmy-prämierten Kollektivs Bleeding Fingers – und bewegte Bilder schaffen ein sinnliches Gesamtbild. Doch anders als bei rein spektakulären Multimedia-Events bleibt hier der Inhalt führend. Die Technik dient der Geschichte, nicht umgekehrt.
Die Ausstellung vereint damit zwei Qualitäten, die selten so ausgewogen auftreten: hohe Bildungsdichte und ästhetischen Genuss. Sie fordert Aufmerksamkeit, belohnt aber Geduld. Wer nur einen schnellen Überblick sucht, kann sich in zwei Stunden einen Eindruck verschaffen. Wer jedoch Texte liest, Details studiert, Projektionen auf sich wirken lässt und fotografisch arbeitet, wird feststellen, wie unmerklich die Zeit vergeht. Fünf Stunden erscheinen nicht übertrieben, sondern angemessen.
Gerade aus weiblicher Perspektive entfaltet sich hier eine besondere Tiefe. Nicht im Sinne einer geschlechtsspezifischen Interpretation, sondern in der sensiblen Wahrnehmung von Materialität, Handwerk, Symbolik. Schmuck ist hier nicht bloß Zierde, sondern Ausdruck von Macht, Schutz und Spiritualität. Farben sind nicht Dekoration, sondern codierte Bedeutungen. Die Ausstellung ermöglicht es, diese Ebenen zu erfassen, ohne sie zu vereinfachen.
„TUTANCHAMUN: Ein Immersives Abenteuer“ ist damit kein oberflächliches Spektakel und kein musealer Ersatzbau. Es ist eine sorgfältig konzipierte Annäherung an eines der faszinierendsten Kapitel der Weltgeschichte. Wissenschaftliche Präzision, kunsthandwerkliche Exzellenz und moderne Erzählformen greifen ineinander.
Dass die Ausstellung aufgrund des großen Erfolgs bis zum 12. April verlängert wurde und bereits über 50.000 Besucherinnen und Besucher angezogen hat, überrascht kaum. Sie trifft einen Nerv: das Bedürfnis nach Wissen, nach Schönheit – und nach einem Zugang, der Distanz überwindet, ohne Seriosität aufzugeben.
Am Ende verlässt man die Räume nicht mit dem Gefühl, etwas konsumiert zu haben, sondern mit dem Eindruck, einer Geschichte nähergekommen zu sein. Nicht der Sensation wegen, sondern der Substanz wegen. Und genau darin liegt ihre bleibende Wirkung.