Im Jahr des Pferdes am Fluss
Heute beginnt das chinesische Neujahr – und mit ihm das Jahr des Pferdes (马年). Allein dieser Satz hat für mich ein anderes Gewicht als jedes Feuerwerk. Vielleicht, weil ich selbst im Jahr des Pferdes geboren bin. Vielleicht auch, weil ich China seit Jahren nicht als exotische Kulisse sehe, sondern als einen Ort, an dem Rituale nicht dekorativ sind, sondern tragend: für Familien, für Freundschaften, für Erinnerung – und für diese eigenartige Zuversicht, die sich jedes Jahr neu zusammensetzt.
Das Pferd ist in China nie nur ein Tier gewesen. Es steht für Bewegung, Ausdauer, Unabhängigkeit, für den Mut, den eigenen Weg zu gehen – und für eine Art von Vorwärtsdrang, die sich nicht entschuldigt. In vielen Gesprächen der letzten Tage fiel immer wieder dieses Wort, das auf Deutsch so nüchtern klingt und auf Chinesisch eine andere Wärme hat: dynamisch. Ein Jahr, in dem Dinge schneller in Fluss kommen. In dem Entscheidungen nicht endlos vertagt werden. Ein Jahr, das weniger „Später“ kennt und mehr „Jetzt“.
Ich mag diese Lesart – aber nicht als billiges Horoskop, das Schicksal als Service verspricht. Eher als kulturellen Kompass. In China spricht man in solchen Zeiten oft über das Klima eines Jahres: Welche Energie liegt in der Luft? Wie verändert sich die Stimmung? Was sollte man wagen, was sollte man ordnen? Und ja: Im Feuer-Pferd-Jahr (das in Zyklen seltener wiederkehrt) wird diese Idee von Bewegung und Intensität traditionell noch stärker betont – als könne das Jahr selbst einen Gang höher schalten.
Das ist der Punkt, an dem es für mich interessant wird: Dynamik bedeutet nicht, alles schneller zu machen. Dynamik kann auch heißen, endlich klar zu sehen. Dinge in Bewegung zu bringen, die zu lange stillstanden – nicht mit Lärm, sondern mit Entschlossenheit. Die chinesische Perspektive darauf ist oft pragmatischer, als viele Europäer erwarten. Nicht „Was sagt das Sternzeichen?“, sondern: Was machst Du daraus? Wie gehst Du mit dem Wind um, wenn er dreht?
Und genau deshalb habe ich für diesen Abend nicht den großen Namen gewählt, nicht das ikonische Postkarten-Setting, das irgendwo zwischen Over-Tourismus und müder Folklore hängen bleibt. Es muss nicht Fenghuang sein. Ich wollte etwas Kleines. Ein Flussdorf, nur ein paar Häuser, Holzplattformen über dem Wasser, dahinter eine üppige, fast samtige Waldwand – und dieses Licht am Nachmittag, das alles für einen Moment weich macht, ohne kitschig zu werden. Ein Ort, an dem man nicht „ankommt“, sondern einfach da ist.
Ich werde dort feiern – mitten unter meinen chinesischen Freunden, als einzige Europäerin - eine alte Freundin nahm mich kurzerhand mit zu ihrer Familie – so selbstverständlich, als hätte ich schon immer dazugehört. Und ich freue mich auf diese Form von Echtheit, die sich nicht ankündigt. Keine Kulisse, kein Spektakel, kein „Programm“. Stattdessen das, was ich an diesen Tagen am meisten liebe: das Zusammensein, das Essen, das Lachen, das gegenseitige Aufziehen, das „Du musst mehr nehmen“ – und dazwischen diese kurzen, fast zärtlichen Momente, in denen jemand ernst wird und einem leise etwas Gutes wünscht, als wäre es eine kleine, handwarme Gabe.
Ich war schon an diesem Ort haben – die Häuser über dem Fluss, das Holz, das Wasser, der Wald –, all das lässt mich spüren, warum sich dieser Abend so richtig anfühlt. Denn trotz aller Heiterkeit wird hier dieses Geräusch sein: Wasser, das nicht aufhört. Ein gleichmäßiges, unaufdringliches Strömen, das sich wie ein Gegenpol anfühlt zu allem, was „dynamisch“ sein soll. Es ist ein schöner Gedanke: ein Jahr, das nach Bewegung ruft – und ein Beginn, der trotzdem ruhig ist. Als würde man dem Pferd den Zügel nicht anlegen, um es zu bremsen, sondern um ihm Richtung zu geben.
Vielleicht ist das meine persönliche Art, das Pferd zu verstehen. Nicht als rastlose Energie, sondern als Kraft, die weiß, wohin sie will. Als Eleganz, die nicht geschniegelt ist, sondern echt. Als Mut, der nicht schreit. Ich denke an die Menschen, die ich in China bewundere: die, die früh aufstehen und spät schlafen, ohne sich wichtig zu nehmen. Die, die Verantwortung tragen, ohne ständig darüber zu reden. Die, die nicht alles „fühlen“ müssen, um es zu tun. Und ich frage mich, was ich von ihnen in dieses Jahr mitnehmen möchte.
Ich wünsche mir ein Jahr, in dem Bewegung nicht Nervosität bedeutet. In dem Veränderung nicht Überforderung ist. In dem Mut nicht laut sein muss, um zu gelten. Ein Jahr, in dem ich Entscheidungen treffe, die mich nicht nur weiterbringen, sondern auch zu mir zurückführen. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst in einer dynamischen Zeit: nicht hinterherzulaufen, sondern bewusst zu gehen.
Und später, wenn die Teller leer sind, die Gespräche leiser werden und die Freude sich in diese sanfte Müdigkeit verwandelt, die nur ein guter Abend kennt, wird das Wasser noch immer da sein. Der Wald wird dunkel werden. Die Lampen werden warm leuchten. Und ich werde einschlafen mit dem Gefühl, dass ein neues Jahr nicht wie ein Startschuss klingt, sondern wie ein Fluss: in Bewegung, ja – aber mit Richtung.
Zum Schluss, wie es sich gehört:
Frohes neues Jahr!
新年快乐! (Xīnnián kuàilè!)
Und der zweite Wunsch, den man überall hört, halb Lächeln, halb Segen:
„Glück und Wohlstand!“
恭喜发财! (Gōngxǐ fācái!)