Nachtgänge – Wenn Steinmauern flüstern

Nachts verändert sich alles. Nicht spektakulär, nicht dramatisch – sondern leise. Genau deshalb liebe ich nächtliche Spaziergänge durch alte, mediterrane Altstädte. Aber nur durch die kleinen. Die ursprünglichen. Orte, die tagsüber vielleicht beiläufig wirken und nachts plötzlich zu sich selbst zurückfinden.

Ich gehe erst los, wenn die Stimmen verschwunden sind. Wenn Türen geschlossen sind, Schritte verebben, das Klirren von Geschirr aufhört. Dann beginnt diese besondere Stunde, in der warmes Lampenlicht über Steinmauern streicht und jede Oberfläche weicher erscheinen lässt. Das Licht kommt nicht von oben, sondern von der Seite. Es modelliert, statt zu beleuchten. Mauern bekommen Tiefe, Treppen erzählen von Jahrhunderten, Fenster wirken wie ruhende Augen.

Ich gehe langsam. Ohne Ziel. Ohne Plan. Alte Pflastersteine unter den Schuhen, unregelmäßig, glattgetreten von Generationen. Manche Gassen sind so schmal, dass sich das Licht von Wand zu Wand spannt. Es entsteht eine Art stiller Tunnel, in dem Zeit keine Rolle mehr spielt. Genau das suche ich. Diese Momente, in denen nichts erklärt werden muss.

Die Kamera trage ich locker in der Hand. Kein Stativ. Keine Vorbereitung. Ich arbeite bewusst mit langen Belichtungszeiten aus der Hand. Nicht aus technischer Überzeugung, sondern aus Gefühl. Die leichte Unschärfe, das minimale Zittern, das Unperfekte – all das gehört für mich dazu. Es spiegelt wider, was ich empfinde. Diese Bilder sollen nicht dokumentieren. Sie sollen erinnern.

Nachts fotografieren heißt für mich, Verantwortung abzugeben. Ich kann das Licht nicht kontrollieren, ich kann die Situation nicht formen. Ich kann nur reagieren. Ein Schritt zur Seite, ein Atemzug, ein kurzes Innehalten. Mehr braucht es nicht. Manchmal entstehen Bilder, die fast gemalt wirken. Stein wird zu Fläche, Schatten zu Struktur, Licht zu Zeit.

Was mich an diesen Orten so berührt, ist ihre Ehrlichkeit. Alte mediterrane Altstädte tragen ihre Geschichte offen. Nichts ist glatt, nichts perfekt. Risse in den Mauern, abgeschlagene Kanten, verwitterte Türen. Und nachts dürfen sie genau so sein. Niemand versucht, sie zu erklären oder zu inszenieren. Sie existieren einfach.

Ich setze mich manchmal auf eine niedrige Mauer oder auf eine Stufe, lasse die Kamera ruhen und höre. Auf fast nichts. Auf das leise Summen einer Lampe. Auf den Wind, der irgendwo durch eine Gasse zieht. Auf mein eigenes Atmen. Diese Stille ist nicht leer. Sie ist dicht. Voll von Vergangenheit, von Leben, das hier stattgefunden hat und weiter stattfindet – auch wenn es gerade unsichtbar ist.

Die langen Belichtungen fangen genau das ein. Nicht den Moment, sondern seine Dauer. Sekunden, die sich übereinanderlegen. Bewegungen, die kaum sichtbar sind. Ein Schatten, der gerade noch da war. Ein Licht, das sich über den Stein schiebt. Es entstehen zeitlose Bilder, die man keinem Jahr, keinem Ort eindeutig zuordnen kann. Und genau das macht sie für mich wertvoll.

Ich merke oft erst später, beim Durchsehen der Fotos, wie ruhig ich in diesen Momenten gewesen bin. Die Bilder tragen das in sich. Sie sind nicht laut. Sie fordern nichts. Sie laden ein, stehenzubleiben. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich diese nächtlichen Spaziergänge brauche. Sie sind eine Form des Nach-Hause-Kommens – nicht an einen Ort, sondern zu einem inneren Tempo.

Tagsüber gehört die Stadt den Plänen, den Wegen, den Erledigungen. Nachts gehört sie dem Sehen. Und manchmal reicht genau das: ein warmer Lichtkegel auf altem Stein, eine Kamera in der Hand und das Gefühl, dass Zeit für einen Moment stillsteht.

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Lesespuren: Wer wir waren von Guido Barbujani