Schwerelos vor der Erde – Samantha Cristoforetti in der Cupola

Samantha Cristoforetti in der Cupola der ISS / Credits: ESA/NASA; S.Cristoforetti / R. Rossi

Es gibt Bilder aus der Raumfahrt, die technische Meisterleistungen zeigen: Raketenstarts, Raumanzüge, Außenbordeinsätze. Und es gibt jene seltenen Aufnahmen, die etwas ganz anderes erzählen – leise, fast poetisch.

Zu diesen Bildern gehört die Aufnahme der italienischen ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti in der siebenfenstrigen Cupola der Internationalen Raumstation. Die Cupola gilt als „Fenster zur Erde“. Von hier aus öffnet sich der Blick auf den gesamten Planeten – auf Ozeane, Wolkenbänder und Kontinente, die langsam unter der Station vorbeiziehen.

Cristoforetti schwebt kopfüber in der Schwerelosigkeit. Ihre Beine sind angezogen, die Arme ruhen unter den Knien. Der Körper bildet eine Haltung, die überraschend vertraut wirkt – beinahe so, als säße jemand vor einem Kamin und lausche einer Geschichte aus der Kindheit.

Das Bild strahlt eine ungewöhnliche Ruhe aus. Für einen Moment verschwinden die enormen technischen Anforderungen der Raumfahrt aus dem Blickfeld. Zurück bleibt etwas anderes: Staunen.

Vielleicht wirkt diese Szene deshalb so märchenhaft, weil sie ein uraltes Motiv berührt. In vielen Kulturen existieren Geschichten von Mädchen oder Frauen, die sich leicht durch die Luft bewegen – nicht mithilfe von Maschinen, sondern getragen von einer anderen Ordnung der Welt.

Die Cupola der ISS – ein Fenster zur Erde, rund 400 Kilometer über unserem Planeten / Credits: ESA - A. Gerst

In der japanischen Mythologie erscheinen die Tennin, himmlische Frauen, die zwischen Himmel und Erde gleiten. Ihre Bewegungen werden nicht als Flug beschrieben, sondern als Schweben – fast schwerelos. In vielen Legenden steigen sie zur Erde herab, um an Seen zu baden oder Blumen zu betrachten. Sobald sie ihr Federgewand wieder anlegen, kehren sie lautlos in den Himmel zurück.

Ein ähnliches Bild findet sich in den Märchen Europas. Die sogenannten Schwanenjungfrauen – bekannt aus zahlreichen slawischen und nordischen Erzählungen – legen am Ufer eines Sees ihre Federkleider ab und erscheinen als junge Frauen. Zieht eine von ihnen das Gewand wieder an, hebt sie sich mühelos in die Luft und verschwindet über dem Wasser.

Der russische Volkskundler Alexander Afanasyev dokumentierte im 19. Jahrhundert viele dieser Geschichten in seinen berühmten Sammlungen russischer Märchen. Sie erzählen von Wesen, die zwischen den Welten existieren – halb Teil der Erde, halb Teil des Himmels.

Auch die keltische Mythologie kennt solche Gestalten. In irischen und schottischen Legenden bewegen sich Feenmädchen durch die Luft, beinahe lautlos, begleitet von einem kaum wahrnehmbaren Windhauch. Ihr Schweben symbolisiert Freiheit, aber auch eine Verbindung zur Natur, die den Menschen verloren gegangen scheint.

All diese Motive wirken erstaunlich modern, wenn man sie neben das Foto aus der Cupola stellt. Die Raumstation kreist rund 400 Kilometer über der Erde. Doch in diesem Moment erscheint die Astronautin weniger wie eine Technikerin der Raumfahrt als wie eine Figur aus einer alten Erzählung – jemand, der für einen Augenblick zwischen Himmel und Erde schwebt.
Gerade diese Kombination aus Hightech und stiller Poesie macht das Bild so besonders.

Cristoforetti selbst verkörpert diese Verbindung zwischen Disziplin und Neugier auf bemerkenswerte Weise. Geboren 1977 in Mailand, wuchs sie in Italien und Deutschland auf und entwickelte früh ein Interesse an Naturwissenschaften und Fliegen. Nach ihrem Studium wurde sie Kampfpilotin der italienischen Luftwaffe und absolvierte eine anspruchsvolle Ausbildung auf verschiedenen Militärflugzeugen.

2009 wurde sie in das Astronautenkorps der European Space Agency aufgenommen.
Ihre erste Raumfahrtmission begann 2014 mit der sogenannten Futura-Mission, bei der sie sechs Monate auf der Internationalen Raumstation arbeitete und zahlreiche wissenschaftliche Experimente betreute. Während dieses Aufenthalts stellte sie einen damaligen Rekord für die längste ununterbrochene Raumfahrtmission einer Frau auf.

2022 kehrte sie im Rahmen der ESA-Mission Minerva erneut zur Raumstation zurück. Während dieser Mission übernahm sie eine weitere besondere Rolle: Sie wurde zur Kommandantin der Internationalen Raumstation ernannt – als erste Europäerin in dieser Position.

Nach ihrer Rückkehr zur Erde arbeitet Cristoforetti weiterhin im Astronautenkorps der ESA. Sie ist an der Vorbereitung künftiger Missionen beteiligt, engagiert sich in der wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit und unterstützt Programme, die den nächsten Generationen den Zugang zu Raumfahrt und Forschung erleichtern sollen.

Gleichzeitig bleibt sie eine der sichtbarsten europäischen Stimmen für internationale Kooperation in der Raumfahrt – ein Bereich, der seit Jahrzehnten nur durch Zusammenarbeit über Grenzen hinweg funktioniert.

Das Cupola-Foto erinnert daran, dass Raumfahrt nicht nur aus Technologie besteht. Sie ist auch eine Form des Perspektivwechsels.

Wer die Erde aus dieser Höhe betrachtet, sieht keine Grenzen. Kontinente wirken wie fragile Inseln im Dunkel des Weltraums. Wolkensysteme ziehen langsam über Ozeane hinweg, während die Station lautlos ihre Bahn zieht.

Vielleicht ist genau das der Moment, in dem sich Märchen und Realität berühren.

Die alten Geschichten von Tennin, Schwanenjungfrauen oder Feen erzählten immer von einer Sehnsucht: dem Wunsch, die Welt einmal von oben zu sehen, frei von Schwerkraft und Grenzen.

Heute, Jahrhunderte später, geschieht genau das. Nicht durch Magie, sondern durch Wissenschaft, Mut und Zusammenarbeit vieler Nationen.

Und doch bleibt der Zauber bestehen – sichtbar in einem stillen Bild einer Astronautin, die schwerelos vor den Fenstern der Cupola sitzt und für einen Augenblick nichts anderes tut, als die Erde zu betrachten und zu staunen.

ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti im Raumanzug – offizielles Porträt / Credit: NASA / Lizenz: copyright - ©ESA

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