Friaul-Julisch Venetien – Frühling am kleinen Fischereihafen
Am Rand eines kleinen Fischereihafens in Friaul-Julisch Venetien ist der Frühling bereits da. Während nördlich des Alpenkamms vielerorts noch Schnee liegt und die Landschaft zögert, beginnt es hier längst zu leben. Die Luft ist mild, das Licht klar, und zwischen Wasser und Stein zeigt sich diese erste, sichere Wärme, die nicht mehr zurückweicht.
Es ist kein großer Hafen. Keine Promenade, keine Kulisse. Eine alte Steinpier, die Teil eines Ortes ist, der bis in die römische Zeit zurückreicht – gegründet im 3. Jahrhundert vor Christus. Sie liegt ruhig im Wasser, funktional, ohne Inszenierung. Die Boote sind einzeln festgemacht. Arbeitsboote. Man sieht ihnen an, dass sie jede Nacht draußen sind.
Zwischen den Steinen haben sich kleine Spuren von Salz und Zeit festgesetzt. Linien, die nicht gemacht wurden, sondern entstanden sind. Nichts daran ist neu, nichts daran wirkt gewollt. Und genau darin liegt eine Ruhe, die sich nicht erklären lässt.
Gegen neun, vielleicht halb zehn, kommt Bewegung hinein. Ein Boot legt an. Keine Hektik, keine Show. Ein paar Handgriffe, ein kurzes Rufen, dann ist es fest. Das Wasser schlägt leise gegen den Rumpf, ein gleichmäßiger Rhythmus, der alles begleitet, ohne sich aufzudrängen. Möwen ziehen ihre Kreise, nicht aufgeregt, eher beobachtend, als gehörten sie genauso dazu wie die Boote selbst.
Der Fang liegt bereits offen an Bord. Frisch. Direkt aus der Nacht. Hier gibt es kein Eis, kein Zwischenlagern. Was draußen geholt wurde, kommt so zurück, wie es ist. Es ist noch ruhig. Kaum jemand ist da. Die Szene gehört den Menschen an Bord.
Man steht nah am Boot, fast allein. Die Arbeit läuft, ohne dass sie schwer wirkt. Es wird gesprochen, kommentiert, gelacht. Nicht viel, nicht laut – aber echt. Jeder Griff sitzt. Jeder weiß, was zu tun ist. Und trotzdem bleibt Raum für diesen leichten Ton, der alles trägt.
Dann hebt einer von ihnen etwas aus dem Boot, das sofort auffällt.
Ein Hai. Etwa zwei Meter lang, bereits ausgenommen. Der junge Fischer nimmt ihn hoch, zieht ihn nah an sich heran, so dass der Kopf des Tieres auf Schulterhöhe liegt, fast an seinem Gesicht. Er lacht. Breit, offen, ohne Zurückhaltung.
Und dann küsst er den Hai.
Nicht umständlich, nicht vorbereitet. Direkt, während er ihn hält. Der Moment gehört ihm – und gleichzeitig allen an Bord. Die anderen lachen laut mit. Keine Zurückhaltung, kein gedämpftes Schmunzeln. Es ist ein helles, offenes Lachen.
Es ist ein Lachen, das bleibt, auch wenn der Moment längst vorbei ist. Eines, das sich nicht erklären muss, weil es aus dem entsteht, was gerade da ist.
Neben ihm arbeitet seine Mutter weiter. Man sieht sofort, dass sie hier das Sagen hat. Sie lädt Krabben aus, routiniert, schnell. Die Hände stecken in Gummihandschuhen, und an den Bewegungen erkennt man, dass noch mehr an Bord ist – wahrscheinlich auch Tintenfische. Sie schaut auf, sieht die Szene – und lacht ebenfalls. Laut, klar, ohne Kommentar.
Alles passiert gleichzeitig. Arbeit, Stolz, Freude. Kein Übergang, keine Trennung. Man merkt: Das hier ist kein besonderer Moment für sie. Es ist ihr Alltag. Genau deshalb wirkt es so stark. Es gibt nichts Künstliches daran. Kein Versuch, etwas darzustellen. Kein Blick, der prüft, ob jemand zusieht. Der Fischer lacht in die Kamera, in die Runde, in den Moment hinein. Es ist einfach da.
Der Hafen bleibt ruhig. Das Wasser bewegt sich leicht gegen die Steine. Stimmen, Schritte, das Geräusch von Kisten, die bewegt werden. Mehr braucht es nicht.
Das Licht verändert sich kaum, und doch ist es anders als noch vor einer Stunde. Klarer, offener, fast durchlässig. Als würde es nicht nur Dinge sichtbar machen, sondern auch das, was zwischen ihnen liegt.
Solche Szenen sind selten geworden. Nicht, weil es keine Fischerei mehr gibt. Sondern weil sich vielerorts etwas verschoben hat. Abläufe, Strukturen, Distanzen. Hier ist das alles noch nah beieinander. Direkt. Verständlich.
Man steht daneben und merkt, dass man nicht lange bleiben muss, um zu verstehen, was diesen Ort ausmacht. Es ist nicht der Fang allein. Es sind die Menschen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der sie tun, was sie tun. Diese Offenheit, die keinen Aufwand braucht. Dieses Lachen, das nicht erklärt werden muss.
Wohl das ist es, was bleibt: nicht das Bild, nicht der einzelne Moment, sondern dieses Gefühl, dass nichts hinzugefügt werden muss, damit es vollständig ist.
Der Himmel ist klar. Die Sonne steht bereits höher. Es ist früher Vormittag, und der Tag hat längst begonnen.
Der Rückweg führt auf dem Piaggio durch die engen Gassen des Ortes. Noch liegt Salz in der Luft.
Heute gibt es frischen Fisch – und ein Glas Collio Ribolla Gialla dazu.